“Meine Begeisterung ist meine gestalterische Kraft”

Als V. Marie bei uns in der Agentur angefangen hat als Grafikerin zu arbeiten, ist uns schnell klar geworden, dass sie sehr eigene Vorstellungen davon hat, wie gutes Design entsteht. Damit hat sie unsere Sicht auf Kommunikationsprodukte – Magazine, Internetseiten, Präsentationen nachhaltig verändert. Unser Partner Michael hat sich mit ihr darüber unterhalten, was ihr bei der Gestaltung wichtig ist und wie sie für Kunden arbeitet.

SCRIPT: Marie, wie bist Du zur Grafik gekommen? Wie hast Du entdeckt, dass Design Dein Ding ist?

V. Marie: Ich bin von Formen und Farben angezogen, seit ich denken kann. Seit 25 Jahren arbeite ich professionell als Grafikerin. Eigentlich bin ich Kunstlehrerin. Ursprünglich habe ich in Frankreich Kunstpädagogik und Kunstgeschichte studiert. Dann habe ich das Glück gehabt, dass ich gleich bei Serviceplan arbeiten konnte. Da habe ich von Anfang an Professionalität und Kreativität gleichzeitig erleben dürfen.

SCRIPT: Du kommst aus Frankreich. Wird Design in Frankreich anders gesehen als in Deutschland? Gibt es Unterschiede?

V. Marie: Oh, ich bin schon so lange in Deutschland, dass ich das kaum noch vergleichen kann. Ich habe fast nur hier gearbeitet. In Frankreich ist man ein bisschen poetischer vielleicht, ich sehe oft gute, kreative Logos in kulturellen Bereich, das Logo von Le Louvre zum Beispiel, finde ich immer noch sehr gut.

SCRIPT: Für viele Menschen ist Design wichtiger geworden in unserer modernen, digitalen Welt. Erhöht das den Wert der visuellen Kommunikation?

V. Marie: Absolut! Menschen werden mehr und mehr zu Designexperten. Was junge Leute heute in den sozialen Medien machen, insbesondere auf Pinterest und Instagram, beeindruckt mich. Impact wird vor allem durch Gestaltung erzeugt. Es ist unglaublich, was an Qualität rausgekommen ist, seit die Welt digital geworden ist. Und man hat Zugang zu absolut schönen Sachen, die ganze Zeit. Auf der anderen Seite ich sehe aber auch Wursteln – einfach, einfach ist auch verführerisch. Jeder darf sich Grafiker nennen, jeder kann ein Fotograf sein. Und trotzdem bleibt es ein professioneller Beruf.

SCRIPT: Viele Menschen sehen lieber Videos oder hören Podcasts. Fotos nehmen in Zeitungen und Magazinen einen immer größeren Platz ein. Auch in Broschüren wird dem Visuellen immer mehr Raum gegeben. Ist das für Dich ein Gegensatz: Hier das Visuelle, dort der Text? Wird das Design irgendwann den Text verdrängen?

V. Marie: Ich erlebe das nicht. Ich lebe in einer Fremdsprache, ich bin ein visueller Mensch. Für mich ist es ein Vorteil, dass Menschen sich auch anders ausdrücken als schriftlich. Die Mischung von beidem – Text und Design – macht die Welt. Gestaltung eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, Dinge zu sehen und darzustellen. Im Internet erreichen und vermitteln wir Gedanken vor allem durch Design. Und ich sehe Texte auch als Designmittel. Titel sind Eingangstüren, wie ein Slogan, ein Ton, der eigentlich sagt: Willst Du mich weiterlesen?

SCRIPT: Damit haben wir eine Brücke geschlagen zum Thema Design in Unternehmen. Welche Rolle spielt dort aus Deiner Sicht die visuelle Kommunikation?

V. Marie: Sie ist essenziell, sie ist DAS Tool. Es gibt keinen zweiten Eindruck. Sie vermittelt den Geist und die Seele eines Unternehmens. Der erste Eindruck ist wie eine Verkörperung. Und es gibt ihn nur einmal und ein letztes Mal. Die Leute wissen nicht wie, aber innerhalb von Sekunden bekommen sie so viel mit. Und alles geht so schnell. Kann ich vertrauen? Kann ich nicht vertrauen? In unserer Zeit, wo wir alles wissen können, geht es zack, zack, auch innerlich sehr schnell. Alles wird gewischt – das ist eine ganz neue Form von Entscheidungen, nur noch instinktiv.

SCRIPT: Wie sehr steht für Dich die Form beim Design im Vordergrund? Oder doch “form follows function”?

V. Marie: Es geht um Objektwerdung. Wenn ein Designer die Aufgabe bekommt, einen Stuhl zu konstruieren, dann gibt es einen Designer, der macht einen Stuhl, der sieht toll aus, das ist ein Ausstellungsstück. In dem Moment, wo Du auf diesem Stuhl sitzen musst, fühlst Du Dich ungemütlich. Und dann gibt’s den anderen: Der macht einen Stuhl, da setzt Du Dich und sagst: Da sitzt man gut. Aber wenn Du den Stuhl siehst, ist er langweilig. Die grafische Welt ist sehr ähnlich: Man muss auf die Funktion achten. Man muss den Inhalt so verpacken, dass er dem Ziel entspricht – die gewünschte Wirkung ist essenziell. Es geht nicht nur darum, wie etwas auszusehen hat. Wenn etwas schön ist, aber nichts erreicht, hast Du nichts. Es muss sein, wie der Kunde und seine Zielgruppe es brauchen.

SCRIPT: Design ist auch ein Ausdruck der jeweiligen Zeit und des Kontextes. Es gab Phasen mit reduziertem Design. Es gab Phasen, da war Ornament im Vordergrund, da wird sehr verspielt gearbeitet. Das beeinflusst, welche Formen und Farben gerade en vogue sind. Oder gibt es aus Deiner Sicht Grundkonstanten in der Gestaltung?

V. Marie: Ist das ein wichtiges Thema? Oder muss ich mich davon eigentlich abkoppeln? Es ist nicht mein Ziel, im Vordergrund zu sein mit meiner Kunst. Wenn ein Kunde Mode braucht, bin ich es, die es macht. Wenn nicht, bin ich es nicht. Der Kunde, die Zielgruppe, die Wirkung – das ist das Ziel.

SCRIPT: Wenn Du für einen Kunden arbeitest: Wie machst Du das? Wie versuchst Du, für Deinen Kunden die Lösung zu finden, die ihm am besten passt?

V. Marie: Ich fange immer mit Psychologie an. Ich kann nicht sagen, dass eine Richtung richtig für mich ist. Manchmal gehe ich mit meinem Kunden ein paar Schritte spazieren, um ihn besser kennenzulernen. Um zu erkunden, wie der Kunde tickt. Nicht nur für das Produkt, auch für die Workflows. Was sind seine Erwartungen? Und warum erwartet er dies? Wenn ich ein bisschen zurückführe, dann immer mit der Frage: Warum wollen Sie das? Diese Frage wird viel zu selten gestellt, leider. Ein Kunde möchte einen Flyer – warum? Ist das der richtige Weg? Ich gehe am Anfang immer einen Schritt zurück. Ich erlebe, dass das meine Kunden sehr motiviert. Wir müssen gemeinsam etwas entstehen lassen.

SCRIPT: Was tust Du dann als nächstes? Nach dem Spaziergang gibt es ja noch kein Konzept.

V. Marie: Es fängt immer an mit einer Idee. Der Kunde muss mir Freiheit geben, vertrauen, um das Produkt oder das Projekt zu entwickeln. Bei SCRIPT habe ich das Gefühl, ich habe einen Boden, auf den ich vertrauen kann. Dadurch fühle ich mich entspannt und kann einfach die Dinge entwickeln. Das ist ein Prozess und es beginnt mit einem Brainstorming – so wird die Idee klarer und das Ziel deutlicher. Ich spreche auch sehr früh über Gefahren. Zum Beispiel Broschüren, die in Schubladen bleiben. Oder eine Website, die nicht gepflegt wird.

SCRIPT: Okay, jetzt liegen die Ideen auf dem Tisch. Du hast mit dem Kunden gemeinsam entwickelt. Ihr seid euch einig, wohin die Reise gehen soll. Dann kommt der gestalterische Prozess. Ist er immer der gleiche? Wie gehst Du vor?

V. Marie: Dann gehe ich in mein „Kämmerchen“. Da werde ich die Künstlerin in mir, die nicht gestört sein mag. Die Begeisterung ist meine gestalterische Kraft. Meistens gebe ich drei Richtungen frei, die Möglichkeiten sind. Und dann gibt es eine Reaktion des Kunden. Diese Reaktion ist ganz wichtig. Deswegen muss es live geschehen. Und ich muss von meiner Arbeit überzeugt sein, sonst kann ich sie nicht verkaufen. Ich glaube, in 20 Jahren habe ich vielleicht einmal wirklich danebengelegen. Es kann aber sein, dass es noch nicht ausgereift ist. Vielleicht fehlt etwas, dann kommt noch mal Phase 2.

SCRIPT: Wie geht es danach weiter? Wie schließt Du Deine Projekte ab?

V. Marie: Die Umsetzung ist eine ganz wichtige Phase – alle glauben, es ist schon fertig. In der Produktion braucht man einen langen Atem. Texter brauchen Zeit. Alles kann sich bis zum Schluss ändern. Den letzten Schritt gehe ich dann meist allein: Reinzeichnung, Druckabnahme usw. Ich bleibe bis zum Schluss dabei. Ich fühle mich verantwortlich für das gesamte Ergebnis. Das kann ein langer Prozess sein. Aber am Ende bekommt der Kunde ein schönes Objekt.