Mit Trump 2.0, der Wirtschaftskrise und den abgeschwächten EU-Berichtspflichten scheint das Interesse von Unternehmen und Öffentlichkeit an Nachhaltigkeitsthemen regelrecht implodiert zu sein. Lohnt es sich also gar nicht mehr, über Maßnahmen und Risiken hinter den Buchstaben E, S und G zu kommunizieren? Doch, es lohnt sich. Titus Kroder, Teil des Kooperationsteams mit der Nachhaltigkeitsagentur Sustainable, nennt drei gute Gründe.
Titus, warum sollten sich Mittelständler, die von der EU-Berichtspflicht erstmal verschont sind, weiter mit dem Thema beschäftigen?
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Regulatorik läuft auf weniger intensivem Niveau weiter und auch die CO2-Ziele der EU stehen unverändert. Es stimmt: Deutlich weniger Firmen sind nun in die unmittelbare Berichtspflicht eingebunden. Doch für große Teile der Wirtschaft wird das Reporting und Strukturieren von ESG-Daten nur verzögert. Ein überzeugendes ESG-Profil könnte damit bald wieder zum alleinstellenden Wettbewerbsfaktor werden und zu einem Pfund, mit dem man bei Kunden, Mitarbeitenden und Lieferanten erfolgreich punkten kann. Wenn also die Erfassung und Aufbereitung von ESG-Maßnahmen und Risiken ohnehin bei vielen Firmen regulatorisch weiterlaufen muss – warum nicht weiterhin über im eigenen Unternehmen erreichte Meilensteine sprechen und sich als Vordenker positionieren?
Warum sollten Unternehmen nicht nur über ihre Nachhaltigkeitsmaßnahmen, sondern auch über ihre ESG-Risiken kommunizieren?
Über ESG-Risiken zu sprechen, schafft auch bei abgeschwächten Anforderungen Vertrauen. Die Stakeholder, vor allem die Investoren, wollen wissen, wie stark ein Unternehmen etwa dem Risiko der Wasserknappheit ausgesetzt ist, wie es mit Hitzeschutzmaßnahmen umgeht, wie weit es sich von den Folgen eines fossilen Energiepreisschocks schon befreit hat, indem grüne Energiequellen genutzt werden. Banken müssen ohnehin weiterhin bei der Kreditvergabe ESG-Risiken berücksichtigen und Defizite bei der Absicherung von Risiken mit höheren Zinsen belegen. Schwache Standards bei der Unternehmensführung, nicht kontrollierte Klima- oder Reputationsrisiken – etwa aus zu starker Gehaltsungleichheit – können auch Investoren abschrecken. Die eigene ESG-Transformation also voranzutreiben und auf fortlaufender Basis kommunikativ zu schärfen, lohnt sich und kann Geld sparen.
Schon immer war ein Nachhaltigkeitsprofil für die Gewinnung von Arbeitskräften wichtig – ist das immer noch so?
Absolut. Besonders hochqualifizierte Fachkräfte und jüngere Generationen fordern von Arbeitgebern laut Befragung nachweisbare Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung, um sich mit der Marke identifizieren zu können. Ein gelebtes ESG-Profil senkt zudem die Fluktuation, da Arbeitnehmer ein Unternehmen mit starken Werten seltener verlassen. Errungenschaften in Sachen ESG zu kommunizieren, lohnt sich also auch aus dieser Blickrichtung.



